Beste Chancen für einen Wandel
Alle gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Energieversorgung von Gebäuden sind nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa auf eine deutliche Reduzierung des Energieverbrauches bis zum Jahr 2030 ausgerichtet. Dr. Heinrich- H. Schulte berichtet über die Rolle des Energieträgers Gas (Erdgas) in einer diversifizierten häuslichen Energieversorgung.
Bei dem akzeptierten Wandel von einer überwiegend fossilen Energieversorgung der Gebäude auf immer mehr erneuerbare Energieträger steht die künftige Rolle der häuslichen Gasversorgung im Mittelpunkt, da heute über ca. 40 % der Haushalte mit Erdgas versorgt werden und sich für viele Endkunden die Frage stellt: Hat Gas (Erdgas) als Energieträger langfristig eine Zukunft?
Seit einigen Jahren muss bei der Erdgasversorgung festgestellt werden, dass die ehemals dominante Rolle des Energieträgers Erdgas nicht mehr besteht und zunehmend weiter an Boden verliert. Viele Verbraucher haben daraus abgeleitet, dass zusammen mit der häufig diskriminierenden Diskussion gegenüber dem fossilen Energieträger Erdgas auch bei der Anwendung der anderen möglichen Gastechnologien generell Zurückhaltung geboten sei. Für den häuslichen Einsatz und der Nutzung der Gastechnologien entstand damit ein fragwürdiges Image bzgl. eines langfristig zuverlässigen Energieträgers Gas. Die ehemals starke Gaswirtschaft hat es leider versäumt, die CO2-neutralen oder CO2-freien gasförmigen Energie- träger wie z.B. Biogas, Synthesegas oder evtl. später auch Wasserstoffgas der Öffentlichkeit und dem Gesetzgeber als zukunftsweisende, verlässliche Ergänzungs- und Nachfolgetechnologien im Gasbereich unter Einhaltung von Nachhaltigkeitskriterien zu präsentieren und plausibel zu machen. Für diese neuen Energieträger aus der Reihe der erneuerbaren Energien sind bereits heute serienreife Produkte in Erdgasqualität verfügbar, sodass dem Energieträger Gas nachweislich eine prosperierende Zukunft vorausgesagt werden könnte.
Verstärkt wurden die Versäumnisse durch branchenspezifische Veränderungen, verbunden mit einer Neustrukturierung der Gasindustrien sowie der gesetzlich vorgegebenen Trennung von Gasanbietung und Gasverteilung im Bereich der Netzstrukturen. Darüber hinaus hat der Gesetzgeber den Einsatz von Biogas für bestimmte Technologien stark bevorzugt, sodass durch einen vorgeschriebenen selektiven Einsatz von Biogas ein Klima entstehen konnte, das einem zukunftsweisenden Charakter neuer Gastechnologien im Haus- und Gebäudebereich entgegenstand. Beim Endkunden, dem eigentlichen Entscheider über den Einsatz der Energiearten, wurde im Wesentlichen eine große Verunsicherung hinterlassen. Das Ergebnis war eine deutliche Zurückhaltung bei den Investitionen von heiztechnischen Anlagen besonders im Jahre 2007. Dieser Attentismus wurde auch durch eine häufige Anhebung des Erdgaspreises zu diesem Zeitpunkt sowie die andauernde Diskussion über die Endlichkeit fossiler Energieträger begründet.
Positive Aspekte
Trotz widriger Rahmenbedingungen und der angespannten Preissituation wären die entscheidenden Institutionen der Gaswirtschaft und des Gesetzgebers gut beraten gewesen, sich der positiven Aspekte einer sicheren, zuverlässigen Bereitstellung der Regelenergie Gas zu erinnern. Grundsätzlich einen Energieträger verfügbar zu haben, der durch markt- und umweltgerechte Beimischungen CO2-neutraler oder CO2-freier Ergänzungen bis hin zur 100 %igen Substitution zum vorhandenen Erdgas das nachgewiesene Potenzial einer drastischen CO2- Senkung hat, muss künftig als Grundorientierung stärker Berücksichtigung finden.
Zwar spricht die Monopolkommission in einem Sondergutachten, das am 4. August 2009 vorgestellt wurde, von „signifikanten Wettbewerbsproblemen“. Der Insider stellt sich aber weniger die Frage, was war, sondern: Was muss getan werden, damit gemeinsam mit der ehemals gut strukturierten Gasversorgungsindustrie die Potenziale einer drastisch CO2-reduzierten Gasversorgung gesichert werden können? Die Merkmale einer neu ausgerichteten Gasversorgung müssen sich an der Schaffung ausreichenden Wettbewerbs, an der Einbringung immer mehr erneuerbarer Energieträger wie Biogas usw. sowie an der diskriminierungsfreien Nutzung der vorhandenen Gasnetzsysteme orientieren.
Der Regelenergieträger Gas hat die besten Chancen, einen Wandel vom fossilen Energieträger Erdgas hin zu immer mehr CO2- freien Gasenergieträgern systematisch zu forcieren und sich so an die Spitze für eine zunehmend diversifizierte und vom Wettbewerb geprägte sichere Energieversorgung zu setzen. Es ist der unschätzbare Vorteil bei allen Marktpartnern verstärkt ins Bewusstsein zu rücken, dass mit einem sicher in die Milliarden gehenden Aufwand über Jahrzehnte eine Gasinfrastruktur einschließlich der Gasverteilnetze aufgebaut wurde, die sich auch beim Endkunden durch Zuverlässigkeit, Sicherheit und hohes Knowhow beim Handwerk und im Service ausgezeichnet hat. Diese Aspekte sind leider durch die dominante öffentliche Diskussion über die Gaspreispolitik, die Tauglichkeit von Biogas, die Endlichkeit des Erdgases usw. ins Hintertreffen geraten. Dem heutigen Erdgaskunden könnte aber auf Basis dieser einmaligen Infrastruktur eine Palette an gasförmigen Energieträgern mit weniger spezifischen CO2-Emissionen angeboten werden.
Zukunft
Um die langfristig beeindruckenden Potenziale für eine „neue“ Gaswirtschaft zu erschließen, bedarf es einer geeigneten Zusammenarbeit zwischen Gaserzeugern (Gaslieferanten), Netzbetreibern, Geräteherstellern und Verarbeitern. Gemeinsam muss der Gesetzgeber überzeugt werden, dass die wesentlichen ordnungsrechtlichen Hindernisse einschließlich der entsprechenden finanziellen Förderungen zu beseitigen sind. In erster Linie ist hier die Schaffung einfacher, klarer Zielvorgaben in Form einer zuverlässigen, langfristigen Festlegung der Absenkung z.B. nur des Primärenergiebedarfes zu nennen, um eine konsistente Gesetzgebung bei allen Vorgaben zu sichern. Darüber hinaus ist die Sicherung einer Technologieoffenheit von zentraler Bedeutung. Die technologisch wichtige Führerschaft in Deutschland wird aufs Spiel gesetzt, wenn Biogas nur für eine heute günstig erscheinende Technologie bevorzugt wird und evtl. die Einspeisung von Biogas in Erdgasqualität damit unrentabel wird. Es ist nicht ratsam für den Gesetzgeber, die Kreativität der Ingenieure bei der Findung neuer oder effizienter, CO2-armer Technologien einzugrenzen.
Ein weiteres wichtiges Argument für eine langfristig zukunftsfähige Gaswirtschaft ist der Einsatz von gasbetriebenen KWK- bzw. Mikro-KWK-Anlagen (Kraft-Wärme-Kopplung). Im häuslichen Bereich Strom und Wärme über Mikro-KWK zu erzeugen, bietet höchste CO2-Reduzierungsmöglichkeiten, wenn die Endgeräte mit „sauberem“ Biogas oder später mit evtl. Wasserstoff betrieben werden. Die dezentrale CO2-freie häusliche Stromerzeugung ist darüber hinaus ein gutes Argument für eine wettbewerbsorientierte Stromerzeugung. Der Gaswirtschaft kann nur gewünscht werden, diese guten Chancen voll umfänglich zu nutzen. Zur Gestaltung eines harmonischen Übergangs zu mehr erneuerbarer Energie könnte auch die heutige Gasbrennwerttechnik für den Betrieb mit Biogas hilfreich sein. Es sollte alles getan werden, um die generell wichtige Technologieführerschaft auf dem Gebiet der Gastechnologien auch für den Einsatz von erneuerbaren Gas-Energieträgern mit zugehöriger begleitender Technik eine Spitzenstellung zu ermöglichen. Der Endkunde ist heute ein mitdenkender innovativer Marktpartner für eine wettbewerblich ausgerichtet sichere, preisstabile häusliche Energieversorgung, die eine gute Umweltverträglichkeit gewährleistet. Es wird dringlich, für die Partner der Gasbranche tätig zu werden. Nur durch eine übergreifende Aktivität der Beteiligten können abgestimmte Rahmenbedingungen geschaffen werden, die die enormen Potenziale für die etwas andere neue Gaswirtschaft erschließen und dem Endkunden die Zukunftsfähigkeit des Energieträgers Gas objektiv vermitteln.
heinrich-hermann.schulte@de.bosch.com
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